10. Tag: Dienstag, 5. Juni 2001

Kolchis und seine römische Provinzresidenz Wani

In der Zeit vom 7. bis zur Mitte des 4. Jh v. d. Z. erlebte die Kultur der Kolchis ihre Blütezeit. Herodot erwähnt die Kolcher bei seiner Beschreibung der politischen Situation im 6. Jh. v. d. Z. neben Medern und Persern. Möglicherweise sind die Kolcher bereits in einer Inschrift das assyrischen Königs Tiglatpilesar I. (1114-1076 v. d. Z.) erwähnt. Urartäische Quellen sprechen im 8. Jh. v. d. Z. von einem Land "Kolcha".

Die Kolchis wurde von dem berühmten Aietidengeschlecht, den Nachfolgern des legendären Königs und "Sonnensohnes" Aietes regiert, wie es in der Argonautensage beschrieben wird. Das politische Zentrum des Landes befand sich am antiken Fluss Phasis (heute: Rioni). Apollonius von Rhodos erwähnt die Hauptstadt Kutaia, wohl in der Umgebung des heutigen Kutaissi zu suchen. Wani war in der hellenistischen und römischen Zeit eine der Provinzresidenzen in der Kolchis.

Ausgrabungen erbrachten die Siedlungsgeschichte und Hinweise auf die ausgeprägte soziale und materielle Polarisierung der Gesellschaft, wie sie sich in den Bestattungsriten abzeichnete.

Neben dem Ackerbau als wirtschaftlicher Basis ist eine bedeutende Eisenproduktion bezeugt, vor allem durch die Waffenherstellung und landwirtschaftlicher Gerätschaften wie Pflüge, Hacken, Sicheln, Hämmer und Äxte. Unter den schönsten Funden in Wani sind Erzeugnisse der Goldschmiedekunst zu finden, was nicht verwundert, galt doch die Kolchis als "Goldland", durch antike Autoren wie Strabon und Appian bezeugt, die die Goldgewinnung mit Hilfe von Schafsfellen beschrieben.

Weitreichende Handelsbeziehungen, die bis nach Griechenland reichten, sind für diese Zeit durch Keramikfunde bezeugt. Exportiert wurden vor allem Metalle (Eisen, Silber, Gold), Bauholz, Textilien, Leinöl, Wild (Fasan) und andere Güter, worüber Herodot und Strabon berichten.

Die Tempelstadt Wani in der hellenistischen Epoche (4. bis 2. Jh. v. d. Z.) ist geprägt durch die Übernahme hellenistischer Kultur im Bauwesen, im Handwerk, in Philosophie und Religion. Um die Wende vom 2. zum 1. Jh. v. d. Z. wurde die kolchische Küste von dem pontischen König Mithridates VI. Eupator erobert. Im Verlauf der Jahre 66 und 65. v.d.Z. unterwarf der römische Feldherr Pompeius die Kolchis und ernannte Aristarchos zum Statthalter. Diese Zeit von 65 bis 47 v. d. Z. ist durch Münzfunde belegt. Die Kolchis war danach kein eigener Verwaltungsbezirk mehr, sondern ging unter Augustus (63 v. d. Z. bis 14) in den Besitz des römischen Vasallenkönigs Polemonos I. von Pontien über. Seit 72 bis in die Regierungszeit Domitians (81-96) hinein gehörte die Kolchis zur Provinz Kappadokien. Die römische Herrschaft in Georgien wurde durch einen eigenen Limes mit einer Linie von Grenzfestungen gesichert, deren wichtigster Ort Apsaros (bei Gonio) war mit einer großen Militärbasis (fünf Kohorten, eine halbe Legion mit 3.000 Berufssoldaten). Nach der Zeitenwende veränderten demographische Entwicklungen mit der Zuwanderung von Volksstämmen die kolchische Kultur, die antiken Geschichtsschreiber sprechen von einer "Barbarisierung".

Im folgenden entstanden eine Reihe von Fürstentümern einzelner Volksstämme, dessen bedeutendster die Lasen im 3 Jh. nach dem Verfall der römischen Herrschaft die Macht übernahmen und eine führende Rolle in Westgeorgien spielten. Seit dem 4. Jh. erstreckt sich ihre Herrschaft auf ganz Westgeorgien und war der Beginn des mittelalterlichen Georgiens bis zu seinem Höhepunkt im 11. und 12. Jh.

Schmuck aus Wani (Bilder aus dem Katalog: Unterwegs zum Goldenen Vlies. Archäologische Funde aus Georgien, Hrsg. Andrei Miron und Winfried Orthmann, Saarbrücken 1995)